Das Schalke-Spiel

Wollten die Fußballer des BSV Ostbevern dem FC Bayern München heute ein Gastspiel schmackhaft machen, sie müssten vor allem eines bieten: Geld, viel Geld. Mit Naturalien ließe sich das Star-Ensemble gewiss nicht abspeisen. Dabei trat tatsächlich einmal der ehemals erfolgreichste und renommierteste deutsche Fußballclub buchstäblich für „einen Appel und ein Ei“ in Ostbevern an. Was heute der FC Bayern München, das war vor rund 60 Jahren Schalke 04. Mit damals bereits sechs Meistertiteln und Spielern wie Fritz Szepan, Ernst Kuzorra und Berni Klodt waren die Königsblauen aus Gelsenkirchen die Adresse im deutschen Fußball schlechthin. Am 14. Juli 1946 spielten die Ballzauberer aus dem Ruhrgebiet bei den Provinzkickern aus dem Münsterland. Dafür spendierte der BSV seinen Gästen – man lese und staune – eine warme Mahlzeit und ließ Naturalien auffahren. Mit einer LkW-Ladung voller Kartoffeln reisten die verarmten Sportler zurück in ihre Heimatregion, die 15 Monate nach Kriegsende noch ein einziges Trümmerfeld war. Herbert Burdenski, 1940 und 1942 mit Schalke deutscher Meister, erinnerte sich: „Wir haben damals in vielen Städten und Gemeinden sogenannte Kartoffelspiele ausgetragen. Wir spielten nur für Naturalien. Für Geld konnten wir uns damals doch nichts kaufen.“ Gegen Ostbevern musste „Budde“, wie er von seinen Fans liebevoll genannt wurde, mit der Ersatzbank vorlieb nehmen. „Schalke kommt!“ Überall im Ort kündigten Plakate das Spiel der Spiele in Ostbevern an. Festtagsstimmung machte sich breit, als die Wunderelf dann tatsächlich anrückte. Mehr als 4000 Fußballbegeisterte pilgerten zum alten Sportplatz am Grevener Damm. Viele waren von weither angereist. Auf der provisorischen Tribüne aus Stühlen und Flachwagen nahmen sie Platz. „In der Nähe des Sportplatzes waren eigens Fahrradwachen eingerichtet, und die Polizei regelte den Verkehr“, notierten Chronisten des BSV. Einen ähnlichen Menschenauflauf hatte die Gemeinde allenfalls 1935 erlebt, als die Nazis Ostbevern zum Musterdorf im Gau Westfalen ausriefen und den Status mit einem Umzug kräftig feiern ließen. „An eine beängstigende Fülle“, erinnerte sich auch Alfons Lehmkuhle. In den 30er und 40er Jahren spielte er den Linksaußen im Team des BSV. Gegen Schalke durfte er allerdings nicht ran, denn vor dem Spiel war vereinbart worden, dass Westbevern die Sturmreihe stellen sollte. Torhüter, Abwehr- und Mittelfeldspieler gehörten hingegen zum BSV. Eine Stunde vor Spielbeginn trafen die Schalker in Ostbevern ein. Als sie den Sportplatz betraten und von Amtsbürgermeister Dr. Carl Esser offiziell begrüßt wurden, da habe das Publikum vor Begeisterung getobt. „Mit dabei war schließlich auch Nationalspieler Fritz Szepan“, erzählte Lehmkuhle. Ins Spielgeschehen griff der aber nicht ein. Während Szepan seine Mannschaft quasi als Betreuer unterstützte, stellte sein nicht weniger bekannter Mannschaftskollege Ernst Kuzorra seine weithin gerühmten Torjägerqualitäten unter Beweis. Wie oft Kuzorra beim deutlichen 13:0 Sieg der Schalker den Ball im Netz unterbrachte, wusste Lehmkuhle zwar nicht mehr. Dass die Königsblauen aus Gelsenkirchen den Blau-Weißen aus Ostbevern aber nicht den Hauch einer Chance ließen, daran kann sich der Hobbyfotograph noch gut erinnern. Weil er nicht gegen den Ball treten durfte, verfolgte er das aufregende Match durch die Linse seiner Kamera. „Das Spiel hat seinen Zweck erfüllt, vor allem in finanzieller Hinsicht“, sagte Lehmkuhle, der damals auch Kassierer im BSV-Vorstand war. Mehr als 4000 Reichsmark nahmen die Veranstalter auf dem Platz ein. Das Geld durften die Gastgeber behalten, mussten ihren berühmten Gästen davon lediglich ein Abendessen bezahlen. Der Hunger der Schalker kannte aber offenbar keine Grenzen: bevor sie ihre Heimreise antraten, absolvierten die Fußballer ein Gastspiel der unsportlichen Art. Aus dem kleinen Lebensmittelladen von Josef Wemmer im Brock entwendeten sie beinahe alles, was nicht niet- und nagelfest war Schalke-Fan Wemmer hatte den Kontakt zu den Auslese-Kickern aus Gelsenkirchen hergestellt und war plötzlich Leidtragender des sportlichen Großereignisses in Ostbevern. Einschreiten mochte er gegen die diebischen Fußballgötter aber nicht.

(Aus der Chronik von 1998, verfasst von Axel Ebert)